Vor langer, langer Zeit, wir können uns fast nicht mehr erinnern, versammelten sich alle Völker und Rassen, alle Menschen unter einem Baum. Aber das war nicht irgend ein Baum. Es war ein Baum der Weisheit und der natürlichen Ordnung. Sie versammelten sich dort, um zu hören und zu erkennen, um sich an den Wurzeln des Baumes niederzulegen und seine Weisheit über die Welt in sich aufzunehmen und danach zu leben.
Zu jener Zeit waren die Menschen weniger gebildet als heutzutage. Sie schrieben die Lehren des Baumes nicht auf Papier. Sie malten Bilder. Sie wussten nichts von Technik und Autobahnen, und doch waren sie in der Lage, in Sekunden das ganze Universum zu bereisen.
Sie wären niemals auf die Idee gekommen, die Erde aufzureißen, und aus ihren Schätzen nützliche Gegenstände herzustellen, die ihrer Bequemlichkeit dienten. Und doch gab ihnen Mutter Natur alles, was sie zum Leben brauchten.
Diese Menschen wussten um die Kraft der Natur, des Lebens selbst. Und sie wussten auch, dass, wenn sie sich gegen sie wendeten, ihre eigene Lebenskraft verschwinden würde, wie Wasser im Sand versickert. Sie selbst waren nicht in der Lage, Gras für ihre Tiere zum Wachsen zu bringen, nicht fähig, die Sonne aufgehen zu lassen. Noch nicht einmal, sich selbst am Leben zu erhalten. Deshalb ehrten sie Mutter Natur und ihre heiligen Gesetze, die ihnen all das Wissen und die Kraft gab, die sie brauchten um glücklich zu sein.
In dieser Zeit war die Welt der Menschen in Harmonie und Mutter Natur liebte sie, als ihre Kinder.
Alle Kinder allerdings werden eines Tages größer und möchten ihr Leben eigenständig in ihre Hände nehmen. Sie möchten sich irgend wann einmal nicht mehr von ihrer Mutter sagen lassen, was sie zu tun, welche Entscheidungen sie zu treffen haben. Auch das ist ein Gesetz der Natur. Und es scheint fast so, als wäre auch das Unvermeidbare im großen Buch schon geschrieben gewesen. Der Mensch begann, Häuser zu bauen und dafür Holz und Steine zu verwenden. Die Mutter freute sich darüber, denn alles was sie besaß, schenkte sie ihren Kindern voller Liebe. Er begann, tiefe Löcher in die Erde zu graben und Metalle miteinander zu verschmelzen. Der Mutter war es Recht, denn auch das Verständnis, wie man mit den verschiedenen Elementen umgehen muss, legte das Leben uns Menschen in die Wiege.
Über viele Jahrtausende, schärfte der Mensch seinen Verstand, so dass er irgendwann sogar in der Lage war, den Lauf der Gestirne zu berechnen und einige von ihnen körperlich zu bereisen.
Wahrlich war es ein großes Wunder, was über diese lange Zeit des Mensch-Seins geschehen ist. Wir wurden zu genialen Künstlern und Architekten, die in der Lage waren, auch mit dem Verstandesbewusstsein, Dinge zu erschaffen und die Welt zu verändern.
Aber es ist noch etwas geschehen, zu jener Zeit. Mit jeder Mauer, die der Mensch aufbaute, verlor er ein kleines Stück der Verbindung. Mit jedem Erfolg, den ihm sein Verstand beschehrte, vergaß er ein kleines Stück davon was es heißt, aus dem Herzen zu erschaffen. Er vergaß jedes Mal etwas von dem Bewusstsein, dass er nicht getrennt ist. Nicht von der Erde, nicht von anderen Menschen und auch nicht von sich selbst. Damit verlor er immer mehr von dem Vertrauen in die Weisheit und die Gesetze der Natur. Und als er letztendlich begann, alleine in seinem Kopf zu leben, erkannte er, dass sein Verstand das Einzige ist, auf das er sich noch verlassen kann. Anders als das Herz, ist das Gehirn ein duales Organ. Es unterscheidet zwischen gut und böse, schwarz und weiß, Mann und Frau. Und der Mensch begann zu glauben, dass er zwischen diesen Gegensätzen wählen müsse, jeweils nur eines davon sein könne.
So baute er noch mehr, und höhere Mauern um sich herum. Um sich vor dem Bösen zu schützen. Und weil er nicht erkannte, dass das Böse, was er in der Welt wahrnahm, eine Spiegelung seiner eigenen Zerrissenheit war, begann er auch, alles zu bekämpfen, was er dort draußen als böse wahrnahm.
Längst hatte er den Baum, den Ort der Versammlung und der Weisheit des Herzens vergessen. Längst glaubte er, alleine durch sein Wissen um die Welt und sein Verständnis um die Naturgesetze, die sein Gehirn kennt, alles erklären und alles erreichen zu können. Eines Tages würde er auch noch das letzte aller Geheimnisse enträtselt haben, und so, alles in der Welt nach seinem Willen gestalten können.
Viele Menschen suchten seitdem die Weisheit der Welt alleine mit ihren Köpfen. Und wahrlich, sie hatten großen Erfolg. Sie erreichten manchmal sogar den Ort des Hörens und der Gesetze. Mutter Baum. Aber ihre Wesen waren durch die lange Trennung schon zu verwirrt. Sie hatten das Gefühl verloren, wie sie Verstehen könnten, ohne zu Be-greifen. Die Gier nach Erkenntnis hatte ihre Sinne vernebelt, und so griffen sie nach den Früchten des Baumes, anstatt in Vertrauen darauf zu warten, bis die Weisheit von selbst zu ihnen kommt. Als Fluss aus weißem Licht, das ihre Herzen und ihren Verstand erhellt. Sie fraßen die Früchte, im Glauben daran, dass sie damit endlich am Ziel angekommen wären. Aber sie kannten ein Gesetz der Erde nicht mehr. Die Natur verschenkt sich an alles Leben, großzügig und liebevoll.
Wer ihre Weisheit mit dem Herzen empfängt und versteht, dass der Verstand nicht alles begreifen kann, dem öffnet sich der Himmel.
Wer allerdings versucht, alleine den Verstand mit Wissen zu füllen, für den wirken die Früchte des Baumes wie Gift. Unser Gehirn braucht Fakten, braucht Beweise. Es unterscheidet zwischen richtig und falsch, und es ist abhängig davon, etwas richtig einordnen zu können. Wenn es das nicht vermag, wird es empfindlich gestört.
Viele, die an jener Stelle der Wahrheitsfindung angelangt waren, konnten nicht begreifen, wie sie auf gesunde Weise die Weisheit des Baumes empfangen könnten. Von jeder Wahrheit nahmen sie ebenso das Gegenteil als wahr an. Nichts von alledem konnten sie so in die Wirklichkeit tragen, nichts verstehen und nichts beweisen. Bis sie schließlich davon überzeugt waren, dass nichts davon existiert. Der Baum nicht, und auch keine höhere Weisheit, die über dem Verstand steht. Sie glaubten, unentrinnbar in der Dualität gefangen zu sein. Sie hatten der Mutter Geheimnisse entrissen, ohne sie zu ehren. Herz und Verstand müssen in Harmonie zusammenarbeiten, sonst wird alles was wir auf die Erde mitbringen, Täuschung und Lüge.
Quelle: www.soul-balance.de