Ein großer Abgrund klaffte nach langer Zeit der Verbundenheit nun zwischen den beiden Brüdern, deren Aufgabe es einst war, die Ordnung in der Welt zu erhalten und die Menschen auf sicheren Pfaden zurück in ihre Heimat zu bringen. Reglas der Starke, der mit seiner klaren Festigkeit, seinem Sinn für die Materie und seinen arbeitsamen Händen die Menschenwelt sicher auf dem Erdboden halten sollte, damit sie mit Fleiß und Ausdauer die Hürden eines Menschenlebens meistern.
Athias der Träumer, der mit seinen Visionen, seiner Sanftheit und seinem Weitblick die Herzen der Menschen berühren sollte, damit sie auch unter den schweren Aufgaben des Lebens der Liebe und der Wahrheit fähig blieben und sicher den Weg zurück nach Hause fänden.
Aber zu jener Zeit herrschte ein schweres Ungleichgewicht zwischen diesen beiden Kräften. Vielleicht war es der Dunst der Zivilisationen, die sich in blanker Gier dem Kapitalismus verschrieben hatten und es als nötig ansahen, nach ihres gleichen zu treten, um selbst nicht von ihrem Sockel aus Beton und Asphalt zu fallen. Vielleicht war es auch der Nebel der Macht, der den menschlichen Verstand umnachtet hatte, sein Größenwahn und die Idee, die Erde nach seinen Wünschen formen zu können, der sich in immer dichteren Schwaden ausbreitete und die Menschheit in “mächtig” oder “verzweifelt” teilte.
Gier, Macht, Geld, Unterdrückung, Lieblosigkeit und Wahn. Das war es wohl, was unaufhaltsam auch die Einheit der beiden Brüder schwächte. Der Weg, der einst in ihrer Mitte für die Menschen bereit lag, existierte nur noch als Abgrund, in dem jeden Tag hohe Berge aus Giftmüll in das schwarze Nichts fielen. Jeder Mensch der so töricht war diesen Weg zu beschreiten, lief Gefahr, zusammen mit diesem Müll in den Abgrund zu fallen, und nie wieder den Weg nach Hause zu finden.
Mit der Machtgier der Menschen wuchs auch die Macht von Reglas und sein Einfluss auf die Welt. Er hatte sowieso nie so ganz verstanden, wie die Eigenschaften seines Bruders Athias den Menschen nutzen sollten. Für ihn war er immer nur ein haltloser Spinner, der sich den ganzen Tag seinen Träumen und Visionen hingab und nichts Greifbares auf der Erde vorzuweisen hatte. Warum also der alten Zeit nachtrauern, wo doch nun endlich seine Kräfte auf der Erde dominierten.
Athias sah lange Zeit traurig der Veränderung seiner Menschen zu, die er so liebte, wie Gott sie liebte. Er sah die Kluft zu seinem Bruder jeden Tag größer, und den sicheren Pfad in der Mitte immer brüchiger werden. Dennoch mühte er sich, jeden Menschen der willens war ihn trotzdem zu gehen, sicher zu geleiten und die tiefen Fallgruben zu überbrücken.
Viele sah er umkehren und genauso viele sah er hinabstürzen in das Nichts. So sehr er sich auch abplagte, der Abgrund wurde immer größer, der Weg fast unbetretbar.
Ein Mensch alleine, das wusste Athias, hatte nicht die Kraft, nicht die Weitsicht und von der Erde aus nicht den Willen, um diesen Weg neu aufzubauen, obgleich er wohl in der Lage war, ihn von der Erde aus zu zerstören.
Er musste sich also an seinen Bruder Reglas , den Vernünftigen wenden und zuerst ihm die Augen für die Schönheit und die Visionen des Friedens öffnen, bevor der Weg neu gebaut werden konnte. Er durfte keine Zeit verlieren, denn mittlerweile war auch die Menschheit auf der Erde gespalten. Viele folgten den Verlockungen des Geldes und der Macht. Die anderen verloren sich im haltlosen Wahn der Träume, ohne aus ihnen jemals etwas Lebendiges zu machen. Denn sie hatten sich ihrerseits angewidert abgeschnitten von den Kräften der Vernunft, da sie auf der Erde nur noch als entstellte Fragmente des einstigen Gleichgewichts existierten. Als kalte Exemplare nackter Gier und Brutalität.
Athias stellte sich an den Rand des Abgrundes, um nach Reglas zu rufen, aber dieser antwortete nicht. Eiskalter Wind wehte von der anderen Seite herüber, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Schweren Herzens machte er sich auf, um seinen Bruder zu finden und beinahe wäre er selbst in das schwarze Nichts gefallen, hätte er nicht all seinen Willen für eine Rettung der verzweifelten Lage zusammengenommen.
Schließlich fand er Reglas, wie dieser in der Nähe des Abgrundes stand und den Menschen zusah, wie sie sich durch ihr Erdenleben kämpften, aus Angst vor der Verzweiflung und der Armut.
“Reglas,” begann Athias, “was tust du hier? Siehst du nicht wie schlecht es den Menschen geht, wie sie leiden? Warum stehst du nicht auf und hilfst mir, den Weg wieder aufzubauen um die Menschen sicher zu führen? Ich kann das nicht alleine, denn auch ich brauche dich!”
Als Antwort dröhnte ihm ein kaltes, höhnisches Gelächter von seinem Bruder entgegen und Athias meinte zu fühlen, wie ein Teil von ihm selbst von einer Ladung aus giftigem Eis umhüllt wurde. “Du?” zischte in Reglas an. “Was willst du hier du Ansammlung von Schall und Rauch? Glaubst du im Ernst, du könntest hier herkommen und mit deinem jämmerlichen Gesäusel die Welt retten? Weißt du überhaupt was die Welt ist, du wertloser Träumer? Hast du je etwas zu dieser Welt beigetragen als abstruse Ideen und haltlose Irrlichter hineinzublasen? Da schau dir die Welt an! Das hier ist die Welt, das hier ist die Realität. Das ist das Leben! Du warst die ganzen Jahrtausende nur zu dumm und zu feige sie zu sehen!”
Erschüttert starrte Athias zuerst seinen Bruder an und dann auf die Erde. Er sah Menschen miteinander kämpfen und sterben. Er sah, wie die Zurückgebliebenen voller Schmerz und Hass ihre Fäuste zum Himmel hoben und sich der Sinnlosigkeit ergaben. Er sah, wie die Erde unter der Zerstörung ächzte und wie viele Träumer unter der Last von Unterdrückung und Gewalt aufgaben, den Weg zu suchen. Und er sah, wie der Dunst von Gewalt, Hass und Sinnlosigkeit weiter hinaufstieg und den letzten Menschen, die sich mutig aufgemacht hatten, dem Wahnsinn zu entkommen, die letzten Reste des Weges unter den Füßen fortriss. Für einen kurzen Moment lähmte dieser Anblick sein Herz und seine Stimme. Als er wieder aufblickte, sah er in die Augen seines Bruders, die sich zu engen Schlitzen geformt hatten und scheinbar das widerspiegelten, das Athias gerade gesehen hatte. “Aber Reglas” flehte er. “Das kann unmöglich dein Ernst sein. Du kennst den Weg, du weißt wie lange er bestanden hat und du weißt, dass wir ihn beide zusammen schützen sollen, damit die Menschen ihren Weg nach Hause finden!”
“Nach Hause!” fauchte Reglas, und seine Stimme war erfüllt von kaltem Zynismus. “Wo ist dieses Zuhause wenn ich fragen darf? Was hast du zu bieten, weißt du das überhaupt? Und wo ist dieser Gott zu dem du betest, kannst du mir das sagen? Ich hab noch keinen gesehen!”
“Das liegt daran, dass es deine Aufgabe ist, dich der Erde zuzuwenden. Und meine Aufgabe ist es, mich zu Gott zu wenden. Nur gemeinsam können wir den Weg für die Menschen erhalten. Fehlt einer von uns, so gibt es keinen Weg.” sagte Athias bittend. “Du wirst noch sehen wo du bleibst mit deinem haltlosen Geschwätz,” donnerte Reglas “schau dir an wo die ganzen Spinner landen, die zu dumm sind meine Realität zu begreifen und immer noch deinen wertlosen Träumen hinterherjagen. Sie marschieren blind los und fallen ins Nichts, wo sie hingehören! Ich ernähre die Menschen, mein Verstand bringt sie voran, zumindest diejenigen, die nicht zu feige sind, die Macht zu ergreifen und sich von dir und deinem Blödsinn abwenden.” Reglas Stimme verfiel fast in ein hysterisches Gelächter. “Du wirst schon sehen, dass die Realität auch noch den letzten Menschen die Augen öffnen wird. Es wird ihn so lange mit seinem eigenen Versagen schlagen, bis er es nicht mehr wagt, der Realität ihre Gültigkeit abzuerkennen! Und jetzt verschwinde und verschone mich mit deinem belanglosen Gewäsch. Geh zu deinem Gott wenn es deine Aufgabe ist, und bleib am besten gleich dort.”
Schweigend blickte Athias seinen Bruder an. Er konnte nicht glauben was er da sah und hörte. Sein Bruder den er liebte, war zu einem kalten und grausamen Wesen geworden, das die Einheit, die so lange existierte schlichtweg leugnete. Es gab nichts, was er noch hätte sagen können, nichts, was die blanke Existenz von Schmerz und Ausweglosigkeit hätte abschwächen können. Athias wandte sich schließlich langsam von seinem Bruder ab und schlich mehr als das er ging zurück, um über den Abgrund auf die Seite der Träume zu gelangen. Gerade als er den Abgrund erreicht hatte, erblickte er zwei Menschen, die verzweifelt versuchten, sich an den letzten Resten des Weges festzuklammern. Aber noch bevor Athias sie erreichen konnte, stürzten sie ins Nichts. Seine Trauer wandelte sich in Verzweiflung und die gipfelte in blanker Wut.
Wie konnte so etwas möglich sein? Wo ist die Macht der Liebe und der Träume geblieben, die so lange den Weg aufrechterhalten hat? Und wo ist der Gott, der all das zulässt? Warum bleibt er, Athias, alleine mit dieser viel zu großen Aufgabe, die er niemals bewältigen kann?
Schließlich faste er tatsächlich den Entschluss, zu dem einzigen zu gehen, der die Antwort auf diese Fragen geben konnte. Athias folgte dem, was einst der Weg gewesen war und gelangte immer tiefer in die reine Existenz der Liebe. Es wurde ihm leichter ums Herz und Hoffnung keimte auf. Hoffnung auf baldige Erlösung aus diesem Elend und irgendwo auch auf die Bestätigung, dass seine Träume wichtig sind in dieser Welt. Die Worte seines Bruders hatten Athias Herz unmerklich mit Spitzen aus Zweifel gespickt und verströmten unmerklich und langsam ihr Gift.
Fragend wandte er sich an das Gefühl, das ihm so vertraut war. Er ließ die Liebe in sein Herz und fragte Gott “VaterMutter, wo bist du. Siehst du woran die Welt erstickt? Wie kannst du es zulassen, dass so viele Menschen in den Abgrund fallen. Hilf mir, meinen Bruder Reglas wieder zur Vernunft zu bringen, damit wir den Weg neu bauen können.”
“Ja,” bekam er zur Antwort, “ich sehe was geschieht.” “Dann hilf mir!” keuchte Athias “hilf mir ich weiß keinen Rat mehr! Die Menschen haben sich verfangen in ihren eigenen Kreationen aus Macht und Gier und haben den Glauben an die Liebe verloren. Und die letzten die noch übrig sind und meine Träume träumen, kämpfen sich durch das Chaos und fallen über hohe Abgründe aus Eis und Beton. Sie übergeben sich an dem Gift, das aufsteigt und verlieren jede Hoffnung! Es wird bald niemand mehr übrig sein, der mutig genug ist. Und diejenigen die es wären, verlieren ihr Leben auf dem Weg.”
Lange sagte Gott nichts. Schließlich antwortete er “Das was du siehst, wurde von Menschen geschaffen. Und es wird durch den Menschen wieder zerstört. Der Weg wurde von mir bereitet, und auch ihn hat der Mensch fast zerstört. Dein Bruder ist nur das Abbild dessen, was auf der Erde geschieht.”
“Ja aber dann unternimm doch etwas dagegen” flehte Athias, “ich weiß nicht mehr was ich noch tun kann!” “Du kannst nur das tun, was du schon immer getan hast, was deine Aufgabe ist” entgegnete Gott. “Du kannst deine Träume zu den Menschen bringen und ihnen den Weg zeigen.”
“Den Weg gibt es nicht mehr” sagte Athias schwach und er weinte fast dabei. “Ich führe sie mit meinen Visionen geradewegs ins Verderben, weil ihnen der Halt fehlt. Ich habe keine Kraft mehr, die ich ihnen geben kann. Sie vertrauen mir und fallen ins Nichts.”
Wieder sagte Gott lange nichts und sein Schweigen ließ Athias in Panik geraten. “Tu etwas, bitte. Gib mir die Kraft zu helfen. Gib mir die Beweise, die die Menschen von mir verlangen um ihnen zu zeigen, dass sie eine Chance haben. Ich selbst habe nichts vorzuweisen außer Träume und eine Aussicht auf Frieden. Aber daran glaubt kein Mensch mehr. Hilf mir, die Menschen zu erreichen, die sich abgewendet haben, damit sie aufhören, die Welt zu vergiften!”
“Du kannst diese Menschen nicht erreichen. sagte Gott schließlich. “Sie können deine Träume nicht fühlen und dich nicht hören. Ich habe den Menschen die Liebe gegeben und damit einen Weg gebaut. Würde ich dir die Beweise geben, die du verlangst, wäre das eine Bestätigung dessen, dass das, was die Menschen heute glauben, richtig ist. Es wäre die Bestätigung, dass alles was auf der Welt wertvoll und richtig ist, mit den Augen gesehen und mit den Händen begriffen werden kann. Es wäre ein Verrat an der Liebe und damit an der Essenz des Lebens. Solange auf der Erde auch nur ein einziger Mensch ist, der diese Liebe spürt und den Weg aufs Neue sucht, solange gibt es Hoffnung und solange werde ich gar nichts tun. Ich werde den Menschen vertrauen, so wie sie mir vertrauen dürfen.”
Als Athias aufwachte, fand er sich in seinem Land der Träume, seinem einstigen Zuhause wieder. Doch selbst hier hatte sich der aufgestiegene Dunst der Schwere und Hoffnungslosigkeit niedergelassen. Die Luft war zu dick und kalt um sie einzuatmen und die Schreie der Verzweifelten und das Gelächter der Mächtigen drangen an seine Ohren und in sein Herz. Er wandte die Augen ab von denen, die in den Abgrund fielen und im Fallen noch nach seiner Hilfe riefen und schließlich ergab er sich dem, was um ihn herum den Raum erfüllte.
Athias setzte sich auf den eisigen Boden, verbarg sein Gesicht in seinen Händen, verkroch sich tief in sich selbst und begann zu weinen. Es war ihm, als würde der ganze Schmerz, die Wut und die Verzweiflung der Welt sein ganzes Wesen erfüllen. Und er weinte um jeden, den er nicht helfen konnte. Und er weinte auch um sich selbst, um seine Träume, die wertlos geworden waren, und tausendfach im dunklen Abgrund verschwanden. Viele Jahre saß er so da und am Ende wusste er, dass auch seine Existenz genauso wertlos war, wie all die Träume, mit denen er die Menschen ins Unglück gestürzt hatte. Panik ergriff ihn, denn die Schreie und der Schmerz der Erde ließen nicht nach in sein Herz zu strömen und den letzten Rest an Lebenswillen aus ihm herauszupressen.
Mühsam stand er auf und ihm wurde übel. Es war also wahr. Das hier ist die Realität. Wenn das allerdings die Realität war, dann war er hier fehl am Platz. Denn er bestand nicht aus dieser Realität. Athias stellte sich an den Abgrund und blickte hinunter in die Leere. Alles, alles war besser als diesen Zustand noch länger ertragen zu müssen. Das Nichts ist vielleicht das Letzte was er wollte, aber es war höchstwahrscheinlich das Letzte was er wahrnehmen sollte. Es würde früher oder später sowieso alles verschlingen. Auch ihn. Warum also nicht gleich der Realität ins Auge blicken und sich ergeben? Dann hätte diese Qual wenigstens ein Ende und er müsste seinem eigenen Versagen nicht länger in die Augen sehen.
Er blickte nicht zurück auf die Erde und er blickte auch nicht mehr zu Gott. Wenn dieser noch auf einen Menschen hoffen wollte, der die Welt rettet, dann bitte. Athias war dafür nicht geeignet und er hatte auch keine Träume mehr, die er jemanden hätte bringen könnte. Er schloss die Augen und war bereit, dem Nichts entgegenzutreten. Fallenlassen, es war so einfach. Sein Körper schwankte und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Schwerkraft ihren Dienst tun würde.
Plötzlich war es ihm, als würde ein Geräusch den Schleier aus Gedanken und Schmerzen durchdringen. Wahrlich, es war kein angenehmes Geräusch, es waren die Laute, eines Sterbenden. Athias hatte in der langen Zeit der Hoffnungslosigkeit schon viele fallen und sterben sehen. Warum gerade jetzt diese Töne in sein Bewusstsein vordrangen, war ihm zuerst nicht so ganz klar. Bis er die Stimme seines Bruders erkannte. Athias lauschte weiter und das Herz schlug ihm mit einem Mal bis zum Hals. Ein jämmerliches Klagen und Stöhnen kam aus dem Abgrund des Nichts. Worte die Athias nicht verstehen konnte. “Reglas”, flüsterte er entsetzt “wo bist du, was ist passiert”. Ja, keine Frage, die Stimme seines Bruders kam aus der Tiefe. Panisch blickte er sich um. Was sollte er tun? Wie konnte er zu ihm hinuntergelangen, der Abgrund war steil und tief und die Wände glitschig und feucht. Athias rannte am Rand entlang und fand schließlich eine Stelle, an der die Wände von schmalen Absätzen, auf denen man irgendwie klettern konnte, durchzogen waren. Einige Male wäre er fast abgerutscht und in die tödliche Tiefe gestürzt, aber der Wille, zu seinem Bruder zu gelangen gab ihm den nötigen Halt. Als er den Boden erreichte, blickte er wild um sich und fand seinen Bruder, zusammengekrümmt liegend an einer Wand in der Dunkelheit. “Reglas, mein Gott was tust du hier, wie bist du hier hergekommen”. keuchte Athias entsetzt. Sein Bruder antwortete mit einem leisen Stöhnen, das mehr ein Röcheln war. Athias setzte sich zu ihm auf den Boden und nahm seinen Kopf inf seinen Schoß. Reglas sah fürchterlich aus. Er war stark abgemagert, seine Hände und sein Gesicht waren die eines Toten. Weiß und wächsern und das Leben schien aus jedem seiner Glieder gewichen zu sein. “Lass mich, lass mich sterben”, röchelte Reglas “lass mich alleine, ich gehöre hier her.” “Was?”, Athias starrte seinen Bruder an, “Aber wieso, was ist geschehen?” “Es gibt nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt.” sagte Reglas und sah seinen Bruder kurz in die Augen. “Verstehst du, nichts! Es ist alles weg, alles vorbei. Meine Macht ist zu Ende und alles, was ich für sicher und richtig hielt, hat nur Zerstörung angerichtet. Die Menschen haben sich mit dem, was ich ihnen gegeben habe zugrunde gerichtet und sich schließlich von mir abgewandt. Es gibt kein Kapital mehr, nach dem ich streben könnte, es gibt keinen Erfolg mehr, den ich mir anheften kann, es gibt gar nichts mehr. Es ist alles zerstört und ich habe versagt, in der Welt Ordnung zu schaffen. Lass mich sterben, geh weg.” Athias verstand die Worte seines Bruders, sind es doch die gleichen, die noch bis vor ein paar Minuten in seinem Kopf waren. Auch wenn er nicht so ganz die Werte nachvollziehen konnte, die Regulas als “Ordnung” bezeichnet. Athias strich mit der Hand liebevoll über das Gesicht seines Bruders und plötzlich verstand er, was mit ihm geschehen war. Als er sich selbst vor diesem schwarzen Abgrund befand, selbst weinend dasaß und die Welt und seine Träume betrauerte, hatte er wenigstens etwas, worum er weinen konnte. Er hatte in seinem Herzen den Funken Liebe, der es nicht zuließ, dass er die Schmerzen nicht mehr spürte. Reglas aber, der alles Wertvolle nur in seinen Kreationen gesehen hatte, der sich ausschließlich an das hielt, was er greifen konnte, hatte nichts was ihn davon abhielt, sich ins Nichts zu stürzen. Sein Bruder war noch wesentlich schlimmer dran, als Athias selbst. “Ich werde dich nicht hierlassen.” sagte Athias einfach. “Pffft, und warum nicht?” entgegnete Reglas fast trotzig. “Du kannst mit mir und meiner Welt sowieso nichts anfangen, konntest du noch nie. Also warum solltest du nicht einfach gehen. Du hast doch jetzt alles für dich. Vielleicht schaffst du es ja besser als ich, die Welt zu retten.” Athias lächelte “Stimmt, so ganz klar war mir nie wonach du strebst. Aber du bist mein Bruder, ich liebe dich. Ich könnte dich niemals hier zurücklassen. Und so ganz nebenbei weißt du, dass wir wenn überhaupt, nur zusammen die Menschen retten können.” Regulas keuchte verächtlich “Ich rette niemanden mehr, soviel ist sicher. Schau mich doch an.” Dass sein Bruder es tatsächlich wagt von Regulas so etwas wie Kämpfergeist zu erwarten, schien die letzten Lebenskräfte in ihm zu mobilisieren und er setzte sich mühsam auf und zog sich weg von Athias Armen. Sollte er sich jetzt auch noch belehren lassen? Vielleicht noch aufgezählt bekommen, was er hätte alles anders machen können? Nein, das würde er sich nicht antun, Athias sollte verschwinden und ihn in Ruhe lassen. Stur blickte er zu Boden und sah sich den eklig glitschigen Untergrund an, auf dem er den Rest seines Lebens verbringen würde. Als hätte Athias bereits all die Vorwürfe herausgeschleudert, die er von ihm erwartete, entgegnete Reglas “Außerdem warst du auch nicht immer der Heiligenschein in Person! Du hast sehr oft ganz schön viel Mist produziert und bist in luftige Höhen entflogen, während ich das Chaos auf der Erde ausbaden musste!”
Bei dieser Erinnerung musste Athias grinsen. “Hmm…. stimmt. Ich hab mich manchmal nicht sehr “ordnungsgemäß” verhalten und mir dabei auch die eine oder andere Beule geholt.” Ein Schweigen durchzog den Ort an dem die Brüder saßen und beide dachten an die lange Zeit, die sie miteinander und gegeneinander verbracht hatten. “Aber ich bin immer wieder zurückgekommen”, grinste Athias und seine Augen zwinkerten Reglas schelmisch an. “Ja ich hab dich immer wieder zurückgepfiffen!” grummelte Reglas “Du wärst ja sonst wo gelandet, wenn ich nicht auf dich aufgepasst hätte!” “stimmt auch”, grinste Athias “das hast du gut gemacht.” Und wo bist du gelandet?” sein Blick schweifte kurz im Raum umher und war nun doch frech und herausfordernd. “Ich sitze hier, was dagegen?” brummte Reglas zurück. Wieder ein langes Schweigen. “Ja, da sitzen wir nun”, sagte Athias um verkniff sich den sarkastischen Ton.
Eine ganze Weile saßen sie so da und keiner sagte ein Wort. Schließlich begann Athias von Neuem. “Du weißt dass keiner von uns es alleine schafft. Und du weißt auch, dass ohne uns nichts mehr “in Ordnung” kommt. Dann können wir gleich beide hier sitzen bleiben und uns gegenseitig bemitleiden. Denn dann ist die Welt zu Ende”. “Was interessiert mich diese scheiß Welt von der du andauernd redest? Du hast gesehen was die Welt von uns hält. Uns braucht kein Mensch mehr, glaube mir doch endlich”, motzte Regulas zurück. “Also gut, wie du meinst”. antwortete Athias. “Wenn du glaubst hier sitzen zu müssen, dann tu es. Ich werd dir ab und an ein paar Brotkrumen hinunterwerfen. Wenn du keine Lust mehr auf glitschigen Boden hast, kannst du ja nachkommen. Ich geh jetzt wieder hinauf und sehe was ich tun kann.” “Wie meinst du, hinauf?” stutzte Reglas. “Es geht hier nicht wieder hinauf! Das ist ein Abgrund, hast du das noch nicht bemerkt mit deinem Träumerhirn?” Athias lachte über das verdutzte Gesicht seines Bruders. “Doch du alter Spießer, schau mal da drüben, da ist eine Stelle mit Stufen!” “Gibt‘s nicht.” Regulas zog sich an der kalten Wand hoch um nachzusehen. “Komm, zusammen schaffen wir das. Leicht wird es nicht, aber das geht schon.” meinte Athias mit einem Blick nach oben.
Genervt drehte sich Reglas einmal um die eigene Achse. “Ich kann noch nicht mal richtig gerade stehen und du verlangst von mir, dass ich diesen Abhang hier raufklettere? Du bist ja noch verrückter als ich jemals gedacht habe!” “Ja gut, aber besser wird dein Zustand hier unten auch nicht oder?” “Hmm …nein, stimmt auch wieder. Hab ich schon erwähnt, dass ich keine Welt retten will?” polterte Reglas. “Ja, mehrmals und jetzt komm und hilf mir mal hoch.” entgegnete Athias ungeduldig. “Für den Anfang wäre es schon was, wenn du dich selbst retten würdest.”
Beide machten sich langsam, keuchend und streitend an den Aufstieg. Oben angekommen sahen sie das Ausmaß der Zerstörung, das die Erde mittlerweile fest im Griff hatte.
Reglas und Athias landeten nach ihrer Kletterpartie auf Athias Seite des Abgrunds. Diese war nicht wiederzuerkennen, denn es fehlte ihr mittlerweile erheblich an schönen Träumen und an Visionen, die sie einst so wundervoll gemacht hatte. Reglas konnte sich ein zynisches “Hübsch hast du‘s hier.” nicht verkneifen. “Hat sich ja gelohnt die Mühe.” Beide blickten sich in die Augen und verfielen augenblicklich in ein erschöpftes aber schallendes Gelächter, ob ihrer Sturheit und ihres unterschiedlichen Wesens.
Athias aber war sich sicher, dass es ihnen gelingen würde, wieder einigermaßen “Ordnung” zu schaffen. Ein paar Menschen waren tatsächlich noch übrig. Zwar relativ entkräftet, aber immerhin.
Jens hatte das letzte Jahr im Bett verbracht. Seine Ehe war in die Brüche gegangen, er hatte durch übermäßigen Alkoholkonsum zuerst seinen Führerschein und dann seinen Job verloren. Eigentlich hatte er vor seinem Absturz ein ganz gutes Auskommen und positive Zukunftsaussichten, bevor mit einem Mal alles zerstört war. Heute, seit langer Zeit stand er vor Mittag aus dem Bett auf, öffnete das Fenster und nahm sogar das Sonnenlicht wahr, das durch die verdreckten Scheiben kaum noch Einlass in seine winzige Wohnung fand. Ihm war ungewöhnlich leicht ums Herz und es war ihm, als hätte er noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen, die er längst vergessen geglaubt hatte. Und als er so dastand und sich fragte, wieso er da überhaupt stand und nicht in seinem Bett lag, hätte er schwören können, irgendwo in seinem Kopf zwei Männer laut und herzhaft lachen zu hören.
Quelle: www.soul-balance.de