Jonas ist jetzt schon fünf Jahre alt und geht bald zur Schule. Aber letzte Woche ist seine Oma gestorben und darüber ist er gerade sehr traurig. Es ist das erste Mal, dass Jonas den Tod eines lieben Menschen miterlebt. Und es ist auch das erste Mal, dass er sich die Frage stellt, wieso Menschen eigentlich sterben müssen. Mama hat ihm erklärt, dass Oma schon sehr alt war und außerdem war sie schon viele Jahre sehr krank gewesen. „Oma ist jetzt im Himmel“, hat Mama gesagt „und dort geht es ihr sehr gut und sie hat keine Schmerzen mehr“. Jonas blickte hinauf in den Himmel. Obwohl es heute sehr kalt war, strahlte der Himmel wolkenlos blau. Da soll die Oma jetzt sein? Dort oben? Vielleicht auf einer Wolke oder im Weltall irgendwo auf einem Stern. Dann sitzt sie jetzt bestimmt da und winkt zu mir herunter, dachte Jonas bei sich. Vor zwei Tagen wurde die Oma auf dem Friedhof beerdigt und Jonas beobachtete, wie alle Leute sehr traurig darüber waren, dass Oma nun nicht mehr da war. Selbst Papa musste weinen, obwohl Papa sonst eigentlich niemals weint. Jonas fragte sich, ob er selbst auch weinen sollte, obwohl Mama doch gesagt hatte, dass es Oma jetzt viel besser ginge als vorher. Er kniff die Lippen zusammen und legte die Stirn in Falten, was er immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Jonas überlegte, ob Mama wirklich an das glaubte, was sie ihm über den Tod erzählt hatte, und ob die anderen Leute auf dem Friedhof wohl auch daran glaubten, obwohl sie alle so traurig aussahen. Dann hörte er den Pfarrer sagen „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“, wobei er mit einer kleinen Schaufel ein Häuflein Erde in Omas Grab warf. Erde? Asche? Staub? Gibt es das im Himmel? Jonas war verwirrt. Die Erwachsenen taten offensichtlich Dinge, die überhaupt nicht zusammenpassten. Mama hatte ihm später noch erklärt, dass nur Oma´s Körper wieder zu Erde werden würde, aber ihre Seele, die wäre jetzt im Himmel, bei dem lieben Gott. Dort wäre sie ein Engel, mit zwei Flügeln und einem leuchtenden Kranz um den Kopf. Aber als sie ihm das sagte, sah er ganz genau zwei Tränen in ihren Augen und es kam ihm so vor, als müsse Mama sich sehr anstrengen, um dabei zuversichtlich zu wirken.

Eine Woche später, weinten alle nicht mehr so häufig. Das sich etwas verändert hatte, merkte Jonas nur an der ungewöhnlichen Stille zuhause. Oder daran, dass er ab und zu den Gedanken hatte, in Omas Zimmer zu gehen, um sie zu besuchen, bevor ihm einfiel, dass sie ja gar nicht mehr da war.

Man müsste da hoch kucken können, in den Himmel, dachte sich Jonas. Man müsste nachsehen können, ob Oma wirklich im Himmel ist und dort auf einer Wolke sitzt. Aber wie soll ich so weit nach oben kommen um sie sehen zu können? Plötzlich fiel sein Blick auf das Baumhaus im Garten. Papa hatte es ihm vor zwei Jahren gebaut. Es war ein schönes, gemütliches Baumhaus, in dessen Mitte der Stamm eines alten Apfelbaumes wuchs. Nun, zumindest ist es dort oben ein Stückchen näher am Himmel, als hier unten auf der Erde, überlegte Jonas. Und vielleicht kann mir der Apfelbaum ja sagen, wo die Oma nun wirklich ist. Jonas sprach oft mit ihm. Denn da wo Papa zwei dünne Äste absägen musste, sah es nun fast so aus, als ob der Baum zwei Augen hätte. Darunter in der Mitte, war ein großer Knubbel, als wäre dort seine Nase. Ein bisschen brummig sah er schon aus, aber bisher hatte er Jonas immer geduldig zugehört, wenn er ihm etwas erzählte.

Als er sich schließlich vor dem Gesicht des Apfelbaumes niedergelassen hatte, fragte er ihn, „Kannst du mir sagen, wo Oma ist?“ Der Baum antwortete mit einem freundlichen Blick seiner zwei Astlochaugen, schwieg aber. Jonas seufzte und lehnte sich gegen die Rückwand des Baumhauses, um durch ein Loch in der Decke zum Himmel zu sehen.

Er muss wohl eingeschlafen sein, denn irgendwann glaubte er, in einem Raum zu stehen, der keine Grenzen zu haben schien. Er blickte sich erstaunt um. Zwar stand er auf festem Boden, aber ringsum war nichts auszumachen, auf was man hätte stehen, oder was man hätte anfassen können. Und dunkel war es auch. Neben sich aber bemerkte er seinen Freund, den Apfelbaum. Er wirkte etwas kleiner, fast so klein wie Jonas selbst war und sehr lebendig. Der Baum zeigte mit einem Ast, der wie ein Arm aussah, auf einen großen Schleier, der direkt vor Jonas aufgetaucht war. Er hatte ihn noch gar nicht bemerkt. „Wenn du wissen willst, wo deine Oma ist, musst du da durch gehen“, meinte der Baum. Jonas blickte zum Schleier und fröstelte. Dieser sah nicht sehr einladend aus und wenn er da durch ginge, könnte es dann nicht sein, dass er ebenfalls sterben müsse? „Hab keine Angst“, sagte der Apfelbaum lächelnd, „ich warte solange auf dich und bringe dich wieder zurück nach Hause“. Jonas legte die Stirn in Falten, beschloss aber dann, seinem Freund zu vertrauen. Mutig ging er in Richtung des Schleiers und schließlich hindurch. Erstaunt stellte er fest, dass sich dahinter ein ebenso dunkler Raum befand, wie der, in dem er gerade gewesen war. Mit der Ausnahme, dass darin eine einzige Person stand, die auf Jonas zu warten schien. „Bist du der Tod?“ fragte er. Diese Frage war nur berechtigt, denn die Person dort war eingehüllt in einen schwarzen Mantel, der fast genauso dunkel war, wie der Raum selbst. Seltsamerweise merkte Jonas, dass er gar keine Angst hatte. Überhaupt war dieser ganze Ort hier von einer Ruhe und einem Frieden erfüllt, wie Jonas es noch niemals zuvor erlebt hatte. Die Person, die, wie Jonas glaubte, der Tod sein müsse, sagte nichts. Stattdessen nahm sie die Kapuze ein Stück ab, so dass man ihr Gesicht sehen konnte. Jonas staunte nicht schlecht, als darunter das Gesicht eines Mannes zum Vorschein kam, welches einzig aus blendend weißem Licht zu bestehen schien. Er betrachtete den Mann, auf dessen Stirn eine Art Krone zu sehen war, deren Spitze ein einzelnes Dreieck bildete auf dem ein strahlend blauer Edelstein saß. Sein Gesicht lächelte Jonas freundlich zu. Wieder stellte er fest, dass er nicht die geringste Angst vor diesem Mann hatte, dessen restlicher Körper noch immer unter dem Mantel verborgen war. Sein Gesicht aber, schien den ganzen Raum in dieses sanfte weiße Licht zu tauchen, so dass Jonas der Gedanke entfuhr „Nein. Du bist nicht der Tod. Du bist das Leben!“ Jetzt lächelte der Mann über das ganze Gesicht, nahm seinen Mantel ganz ab und reichte Jonas die Hand. Auch der Rest seines Körpers schien aus diesem Licht zu bestehen, zu dem Jonas einfach kein anderes Wort als „Leben“ einfiel. Obwohl der Mann nicht sprach, wusste Jonas, dass er mitkommen sollte, weil ihm der „Tod“ etwas zeigen wollte. Ja, dachte Jonas, sehr gerne gehe ich mit dir mit! Ohne zu wissen, wie er dort hingekommen war, stand Jonas plötzlich an einem völlig anderen Ort, als es der dunkle Raum vorher gewesen war.

Er war in einem Garten angelangt, der schöner war, als alles, was er sich jemals hätte ausmalen können. Vor ihm lag eine Quelle, die aus einem Stein heraus sprudelte, davor ein winzig kleiner See. Rund um die Quelle wuchsen Blumen in den herrlichsten Farben und Insekten flogen geschäftig herum, um sie alle zu bestäuben. Dieser ganze Ort schien ganz aus diesem weißen Licht zu bestehen, aus welchem auch der Mann bestanden hatte, der ihn hier her brachte. Den allerdings hatte Jonas längst vergessen. Voller Staunen betrachtete er alles um sich herum und spürte, wie perfekt dieser Ort war. Es war so schön hier, so unbegreiflich vollkommen, dass ihm sogar das Herz weh tat, wenn er versuchte, alles davon wahrzunehmen. Er merkte, dass all die Schönheit, schlicht zu viel für ihn war und er Schwierigkeiten hatte, dieses Licht auszuhalten. Vor der Quelle setzte er sich auf den Boden um sich eine kleine Pause zu gönnen.

Mit einem Mal hörte er hinter sich eine sanfte und bekannte Stimme. „Hallo mein Schatz, da bist du ja. Ich wusste, dass du mich besuchen kommst.“ sagte Oma und lächtelte ihn liebevoll an. Normalerweise wäre Jonas jetzt aufgesprungen und der Oma um den Hals gefallen um sie zu begrüßen. Aber an diesem Ort hier schien es gar nicht nötig zu sein, irgend etwas zu tun, um seine Freude auszudrücken. Hier war die Liebe überall und musste nicht durch Gesten oder Worte gezeigt werden. Außerdem fiel es ihm immer noch schwer, gerade zu stehen, an diesem Ort. Jonas lächelte glücklich und ihm fiel auf, dass die Oma gar keinen Krückstock mehr dabei hatte. Überhaupt wirkte sie viel jünger und völlig gesund und fröhlich. So hatte er sie eigentlich noch nie gesehen, denn sie war schon krank und gebrechlich gewesen, als Jonas zur Welt kam. „Hier bist du also“, brachte er hervor, „ich hatte mich schon gefragt, wie der Himmel aussieht und ob du auf einer Wolke sitzt.“ Oma lachte und sagte „Ja, hier wohne ich jetzt auch. Ist es nicht schön hier?“ Jonas blickte sich noch einmal um und merkte wieder, wie schwer ihm das fiel. „Oma“, fragte er „wieso ist es so anstrengend, diesen Ort auszuhalten?“ „Nun, du bist einfach nicht daran gewöhnt“, antwortete ihm Oma. „Weißt du, das Leben in all seiner Intensität zu sehen und zu fühlen, kann sehr sehr schwer sein. Vor allem, weil wir Menschen auf der Erde es so anders wahrnehmen. Viel weniger von seiner Schönheit und Reinheit. Wir wissen nichts von der Bedeutung eines jeden kleinen Dinges auf der Erde und sehen nicht, dass Gott in allem wohnt. Hier aber, kannst du all das direkt fühlen, weil es nichts gibt, was dich daran hindert.“ In der Tat hatte Jonas das Gefühl, dass jede Biene an diesem Ort genauso groß und wertvoll war, wie der Ort selbst. Aus jeder Blume strahlte das pure Leben und ihre Zerstörung käme dem Verlust der ganzen Welt gleich. Jonas überlegte lange, bevor er fragte „Du Oma, ist es denn auf der Erde genauso?“ „Ja“ antwortete sie,  „nur haben wir verlernt, es zu fühlen.“ Jonas biss die Zähne aufeinander und schwor sich, ab sofort nie wieder auf einen Käfer zu treten, da er langsam begann zu begreifen, wie groß und wichtig selbst das kleinste Lebewesen auf der Welt war.
„Ich glaube“, sagte er nach einer Weile, „ich sollte langsam wieder zurück gehen. Es ist noch etwas zu viel für mich, hier zu sein.“ „Natürlich“, lächtelte Oma „du wirst noch lange nicht hier wohnen, aber du kannst mich immer mal besuchen. Mit jedem Mal wird es dir etwas leichter fallen weil du dich an das Licht gewöhnst. Außerdem kannst du jederzeit mit mir sprechen, wenn du magst.“ „So, wie denn?“ fragte Jonas neugierig. Oma kniete sich ohne Mühe zu ihm auf den Boden, legte die Hand auf die Mitte seiner Brust und sagte „Schau mal, dort drin, ganz tief, so tief wie Erde und Sonne voneinander entfernt liegen, gibt es einen Ort, an dem alles wohnt, was ist. Auch ich! Wenn du mit mir sprechen willst, denke einfach an diesen Ort und frage mich etwas. Du wirst sehen, ich antworte dir!“ lachte Oma. „Und das klappt?“ fragte Jonas überrascht. „Natürlich!“ sagte Oma „Probiers aus, sobald du wieder zuhause bist“. „Das werde ich!“ rief Jonas „Ganz bestimmt.“

Jetzt erinnerte er sich wieder, wie er hier her gekommen war und auch an den Mann, von dem er nicht mehr wusste, ob er ihm den Namen „Tod“ geben sollte. Eigentlich war das ja Quatsch.
Als er sich aber umblickte, erschrak er zunächst einmal. Der Mann stand immer noch da, aber er hatte wieder seinen schwarzen Mantel übergeworfen. Und hier in diesem Licht, am Ort des Lebens, sah dies doch sehr bedrohlich aus. Jonas überlegte, ob man diesem Mann nicht einen etwas freundlicheren Umhang hätte geben können, wo er doch selbst gar nicht so düster war, wie er aussah. Aber er begriff schließlich, dass es wohl so sein muss. Im Leben hat dieser Mann die Gestalt des Todes und der Dunkelheit. Aber sobald es dunkel ist, kann man das Gesicht des Lebens in ihm sehen. Jonas fragte sich, wie es sein kann, dass jemand beides zugleich ist. Licht und Dunkel.

Der Mann streckte wieder den Arm nach ihm aus und bat ihn wortlos, mit ihm zurück zu gehen. Jetzt kannte Jonas ihn ja schon und wusste, was sich in Wahrheit hinter dem Mantel verbarg und so hatte er keine Angst. Ehrlich gesagt war er fast erleichtert, weil er wusste, dass er wieder in die Ruhe und Sicherheit des Dunkels gehen konnte. So schön es auch war, hier an diesem Platz des Lebens zu sein, jetzt sehnte er sich nur noch danach, etwas weniger von all dem Licht wahrzunehmen und sein Herz etwas zu erleichtern. Gerne ging er wieder mit zurück in den Raum hinter dem Schleier und schließlich zu seinem Freund dem Apfelbaum. Es war auch nicht nötig, sich von Oma zu verabschieden, denn sie war ja nicht weg. Der Apfelbaum lächelte zufrieden, als er bei ihm ankam und tat es noch, als Jonas wieder aus seinem Traum erwachte.

Nur eine Frage stellte er sich noch, als er Mama rufen hörte, die ihn bereits überall gesucht hatte. Wie nur kann ich ihr erklären, warum sie gar nicht weinen muss?

Quelle: soul-balance.de